Herr Ziegler, Sie sind Geschäftsführer der tmp. Transformation Management Partner GmbH. Was macht Ihr Unternehmen?
Klaus Ziegler: tmp. Transformation Management GmbH steht als „Beratungs-Boutique“ Unternehmen in wirtschaftlichen und finanziellen Sondersituationen beratend und umsetzend, aber auch als zuhörender, empathischer und vertrauensvoller Sparringspartner auf Augenhöhe zur Seite. In wirtschaftlichen und finanziellen Krisensituationen begleiten wir Unternehmen mit einem ganzheitlichen und integrierten Beratungsansatz, der alle relevanten Handlungsfelder berücksichtigt – strategisch, operativ, finanziell, rechtlich und psychologisch. Unser tmp. Transformationsansatz kombiniert Transformation, Restrukturierung, Insolvenz in Eigenverwaltung und (Distressed) M&A zu einem durchgängigen Leistungsportfolio, das auf nachhaltige Stabilisierung und Zukunftsfähigkeit ausgerichtet ist.
Unser Handeln ist deshalb getragen von unserer Mission: Restrukturierung ist notwendig. Transformation entscheidend. Beides gehört dazu, und beides können wir liefern. Mit der reinen Bereinigung der Passivseite geben wir uns nicht zufrieden.
Wir gehören damit zu den wenigen, die einerseits den fachlichen Werkzeugkasten der Restrukturierung beherrschen und darüber hinaus notwendige Umbrüche auf Seiten von Geschäftsmodellen und Menschen realisieren und absichern. Wenn es nicht anders geht, gehen wir auch durch die Tür in ein StaRuG- oder Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung und begleiten dort die Unternehmen und Menschen sowohl insolvenzverfahrenstechnisch als auch leistungswirtschaftlich. Wir arbeiten mit Betriebswirten, Juristen, Psychologen, Ingenieuren, M&A Beratern und Interim Managern. Damit denken und handeln wir in 360° und sehen so das Ganze. Gerade der Blick auf das Ganze mit einem interdisziplinären Team schafft für uns auch ein wesentliches Fundament für Empathie: Vor jeder neuen Herausforderung befragen wir uns untereinander: „Wie siehst Du das mit Deiner ganz anderen und eigenen fachlichen Brille?“
Ich weiß, wie schwierig es manchmal ist, konkurrierende Ziele in Einklang zu bringen. Als Betriebswirt verfolge ich konsequent das Ziel, zukunftsfähige Geschäftsmodelle aufzustellen, da nur diese nachhaltig Erfolg haben werden. Als Fachberater Sanierung ist mir bewusst, dass in der Insolvenz immer der Gläubigervorteil ganz vorne stehen muss und eine nachhaltige Transformation Geld kostet und zu Lasten einer Quote geht. Lasse ich noch meine Sicht als Organisationspsychologe einfließen, würde ich sagen, zwischen Gläubiger und Unternehmer ist das Vertrauensverhältnis zerstört. Jede Sicht für sich allein, würde zu keinem befriedigenden Ergebnis führen. Versteht man aber die Zielkonflikte, lässt sich meist durch eine offene und transparente Kommunikation dieser Konflikt auflösen oder es gelingt zumindest eine Annäherung an die jeweiligen Interessenslagen.
"Egal mit welchem Sanierungsweg dabei restrukturiert wird, am Ende wird ein nachhaltiger Erfolg nur dann gewährt sein, wenn eine wirkliche Transformation des Geschäftsmodells unter Berücksichtigung zukunftsfähiger Geschäftsfelder, Organisationsstrukturen und -prozesse sowie einer entwicklungs- und motivationalen Einbindung der Ressource Mensch stattfindet."
Klaus Ziegler, Geschäftsführer der tmp. Transformation Management Partner GmbH
Gerade bei Themen wie Insolvenz, Sanierung, Rekonstruierung - Themen, mit denen Sie alltäglich in Berührung kommen - ist es sicherlich hilfreich, Empathie zu zeigen. Wie sieht diese dann konkret aus und welche Vorteile bringt sie für Ihre Arbeit?
Klaus Ziegler: Es ist häufig nicht die wirtschaftliche Lage selbst, die Unternehmer lähmt, sich in einer Krisensituation Hilfe zu holen. Es ist die Angst davor, das Gesicht zu verlieren – vor Mitarbeitenden, vor Geschäftspartnern, vor der Öffentlichkeit, ja manchmal auch sogar vor der eigenen Familie.
"In einer Welt, in der unternehmerischer Erfolg so eng mit persönlichem Ansehen verwoben ist, wiegt dieser Druck besonders schwer."
Aber: Wer aus Angst wegtaucht und in der Hoffnung auf Besserung wartet, riskiert weit mehr als den eigenen Ruf. Gerade eine Insolvenzverschleppung kann sowohl die Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz als auch strafrechtliche Risiken für Geschäftsführer oder Vorstände nach sich ziehen. Nicht selten sitzen wir in unseren Erstgesprächen weinenden Menschen, die an sich starke Persönlichkeiten sind, gegenüber. Wie soll man hier reagieren?
Natürlich ist es hier wichtig, den Betroffenen die Scham und die Ängste zu nehmen. Wir sagen jedem: „Krisen gehören zum Unternehmertum. Sie sind keine Ausnahme, sondern Teil mutiger unternehmerischer Wege. Was zählt, ist nicht das Vermeiden jeder Schwierigkeit – sondern der klare, mutige und rechtzeitige Umgang mit ihr. Eine wirtschaftliche und finanzielle Schieflage ist kein persönliches Versagen. Sie ist – so schmerzhaft sie auch erscheinen mag – oft der Beginn von etwas Neuem: einer Neuaufstellung und -ordnung, einer echten Chance. Bereits der Gang zu uns zeigt Mut und Weitsicht“. Dies ist die eine Seite der Medaille.
Auf der anderen gilt es aber zugleich, als Sanierungsberater in aller Konsequenz – ja, und teilweise manchmal auch schonungslos – aufzuzeigen, dass Fehler gemacht wurden. Egal ob diese in falschen unternehmerischen Entscheidungen gelegen sind, oder auch durch persönliche Eitelkeiten getrieben wurden. Wir sagen stets: „Sanierung ist immer auch Verhaltensänderung“.
Empathie als Berater in einer unternehmerischen Schieflage zeigt sich also nicht nur in freundlichem Zuhören, sondern in einer professionellen Haltung, die sowohl die menschliche als auch die sachliche Ebene berücksichtigt. Empathie bedeutet, die Sorgen, Ängste und Perspektiven der Unternehmer wirklich nachzuvollziehen – ohne dabei die notwendige Klarheit und Handlungsorientierung zu verlieren. Beides ist für den gemeinsamen Erfolg von Unternehmer und Berater wichtig. Denn in der Krise muss sehr schnell gegenseitiges Vertrauen entstehen, und zwar sowohl für das „Verstehen“ als auch für das „Gelingen“ eines Neuanfangs.
Ganz allgemein: Wieso sollte ein Berater (noch) empathisch sein?
Klaus Ziegler: Hinter den Zahlen verbergen sich Menschen und diese gilt es wahrzunehmen: ihre Denk- und Verhaltensmuster, ihre Motivation und ihre Emotionen. Reine Zahlenanalyse zeigt nur die Symptome. Empathie hilft, zu erkennen, welche persönlichen, emotionalen oder kulturellen Faktoren die Situation beeinflussen (zum Beispiel Entscheidungsängste, Loyalität zu Mitarbeitenden, Konflikte im Management oder zwischen den Gesellschaftern).
Unternehmer öffnen sich eher, wenn sie spüren, dass ihr Berater ihre Sorgen versteht. Unangenehme Wahrheiten werden ausgesprochen und man kann über sie sprechen. Daraus lassen sich ganzheitliche Lösungen finden. Eine Lösung, die rein betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, kann scheitern, wenn sie die emotionale Realität der Betroffenen ignoriert.
"Empathische Beratung sorgt dafür, dass Maßnahmen realistisch, umsetzbar und von den Beteiligten mitgetragen werden."
Empathische Begleitung vermittelt, dass der Unternehmer nicht allein ist. Ein empathischer Berater signalisiert zudem: „Es geht nicht um Schuld, sondern um Lösungen.“ Das senkt Stress, schafft Klarheit und führt bei ihm wieder zu Resilienz. Dies macht wiederum handlungsfähig.
"Deshalb: Der Beratungstyp „Zahlen Crunchy“ oder „Formaljurist“ wird nie die Wahrheit erfahren. Er bleibt an der Oberfläche, er sieht nur die Symptome und kennt nicht die unter der Eisfläche liegenden Ursachen. Erst durch Empathie wird Beratung fachlich und menschlich wirksam und führt zu nachhaltigen, zukunftsfähigen Entscheidungen und Lösungen."
Sehen Sie auch Nachteile?
Klaus Ziegler: Empathie ist grundsätzlich mal niemals von Nachteil. Beratungsansätze, die allerdings ausschließlich den systemischen Ansatz wählen, der sich auf die Beziehungsgeflechte und die dafür entsprechende Empathie stützt, senden häufig zu schwache Signale in Richtung klare Handlungsorientierung, verbunden mit folgenden Risiken:
1. Entscheidungs-Schwäche
- Zu viel Rücksicht auf Gefühle kann dazu führen, dass notwendige, aber unangenehme Entscheidungen (zum Beispiel Kostensenkungen, Kündigungen, harte Verhandlungen) hinausgezögert oder vermieden werden.
2. Ungleichgewicht zwischen Emotion und Ratio
- Wer ausschließlich empathisch agiert, riskiert, betriebswirtschaftliche Fakten zu vernachlässigen und Entscheidungen mehr auf Basis von Emotionen als von Daten zu treffen.
3. Gefahr der Überforderung
- Berater, die sich zu stark in die Sorgen anderer hineinversetzen, können selbst emotional überlastet werden und an Klarheit oder Resilienz verlieren.
4. Verlust an Autorität
- Wenn Beratung nur empathisch ist, besteht die Gefahr, dass Grenzen fehlen und Mitarbeitende Führung als unsicher oder zu weich erleben.
5. Gefahr der Manipulierbarkeit
- Starke Empathie kann ausgenutzt werden – zum Beispiel wenn die Kunden und Mandanten eigene Interessen übermäßig betonen, um Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.
6. Kurzfristige Harmonie statt langfristiger Wirkung
- Rein empathische Berater zielen oft darauf ab, Spannungen zu vermeiden. Das kann zu oberflächlicher Harmonie führen, während grundlegende strukturelle Probleme ungelöst bleiben.
Am Ende muss jedem Berater auch bewusst sein: Bedingt durch unterschiedliche Sozialisation und unterschiedliche erlernte Kompetenzen benötigen Menschen im Arbeitsleben unterschiedlich viel Richtung, Orientierung und Anker. Entsprechend würde zu viel Empathie eher das Gegenteil auslösen. Ein Lösungsansatz ist der von uns verfolgte Komplementäransatz in der Beratung: Einbezug von unterschiedlichen Wissensdisziplinen.
Kann Empathie ge-/erlernt werden? Wenn ja, wie geben Sie diese, wenn nötig, an Ihre Mitarbeiter weiter?
"Leider können nicht alle Menschen Empathie lernen oder zumindest nur sehr schwer lernen."
Ich sage das deswegen in dieser Deutlichkeit, weil es sehr wichtig für die Auswahl von Beratern ist. Dies gilt auch gleichermaßen für Führungskräfte. Deshalb an dieser Stelle erst einmal folgende Einordnung:
Menschen mit toxischen Verhaltensmustern
Menschen mit toxischem Verhalten (zum Beispiel manipulativ, destruktiv, respektlos) wollen oft gar keine Empathie entwickeln, weil ihre Strategien auf Macht oder Kontrolle beruhen. Veränderung ist hier möglich, aber nur, wenn echte Einsicht und Motivation zur Veränderung vorhanden sind. Ohne Selbstreflexion bleibt Empathie meist oberflächlich oder gespielt.
Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen
Narzissten haben meist eine eingeschränkte Fähigkeit zur Empathie – vor allem zur emotionalen Empathie (Mitfühlen). Oft sind sie aber sehr gut in kognitiver Empathie (Verstehen, was andere denken oder fühlen), die sie auch zu manipulativem Verhalten nutzen können. Mit Training (zum Beispiel durch Therapie, Coaching, Achtsamkeit, Feedbackprozesse) können sie lernen, Empathie bewusster einzusetzen – allerdings bleibt das Mitgefühl oft begrenzt.
Autistische Menschen
Viele autistische Menschen haben sehr wohl Empathie, zeigen oder erkennen sie aber auf eine andere Weise. Sie können Schwierigkeiten haben, die Emotionen anderer spontan zu „lesen“ (soziale Intuition) und reagieren damit eher nicht empathisch und kontrolliert. Sie zeigen Empathie deshalb manchmal anders oder brauchen mehr Klarheit.
Ansonsten lässt sich Empathie sehr gut entwickeln. Ganz vorne stehen wir auf der Partner-Ebene dabei als Vorbild. Aktives Zuhören lässt sich stets mit der Frage zeigen: „Habe ich Dich richtig verstanden, dass …?“ Der Perspektivenwechsel lässt sich zwischendurch auch einmal durch einen Rollenwechsel spielerisch erspüren. In Projekt-Reviews sollte immer ein emotionaler Teil enthalten sein: Gefühle benennen (Wie ging es Dir mit dieser Situation?), Reflexion mit anderen (Wie hast Du mich dabei wahrgenommen?) und Feedback als Rückmeldung, wie mein Verhalten auf andere wirkt.
Eine Unternehmenskultur, die das Gespräch und die Reflexion zu Emotionen etabliert, entwickelt empathische, mutige und resiliente Menschen, denn Empathie ist keine weiche Zutat, sondern eine harte Kernkompetenz – sie macht Zusammenarbeit menschlich und Entscheidungen tragfähig.
Ist die Empathie ein Skill, auf den Sie schon im Bewerbungsprozess bei neuen Mitarbeitern testen? Wenn ja, wie?
Klaus Ziegler: Grundsätzlich sehe ich Skills wie Empathie, Mut, Ambiguitätstoleranz, Resilienz und Kommunikationsfähigkeit im Auswahlprozess als bedeutsamer an als die Fachlichkeit. Defizite in der Fachlichkeit, lassen sich leichter durch Lernen ausgleichen als bei Persönlichkeits-Skills. Im Gespräch teste ich deshalb bewusst durch situative Fragestellungen den Umgang und das Einfühlen in Konflikte und Sorgen, den Grad an Betroffenheit, das Herstellen einer Balance zwischen Mitgefühl und Klarheit und inwieweit jemand auch begleitet anstatt belehrt und in Belastungssituationen auch selbst nicht das Licht am Ende des Tunnels verliert. Im Rahmen der Reflexion lässt sich verbal und gerade auch nonverbal meist gut herausfinden, ob Empathie vorliegt, authentisch ist und wirkt. Ganz entscheidend ist, ob der Mitarbeiter Spaß und Freude daran empfindet, wenn er positive Resonanz aus seinem empathischen Handeln und seiner empathischen Kommunikation erfährt.
Klaus Ziegler
Geschäftsführer der tmp. Transformation Management Partner GmbH
Klaus Ziegler, Diplom-Kaufmann, Organisationspsychologe, Fachberater Sanierung, ist Geschäftsführer und Gesellschafter bei der tmp. Transformation | Management | Partner GmbH. Im Kontext seines Leitsatzes „Restrukturierung ist notwendig. Transformation entscheidend“ liegt sein fachlicher Schwerpunkt in der Restrukturierung, der Sanierung im Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung und im geschäftsfeld- und menschzentrierten Transformationsmanagement. Er war 12 Jahre im Management verschiedener Unternehmen tätig, bevor er 2003 in die Beratung gewechselt ist. Er hat seitdem eine Vielzahl an zukunftsfähigen Turnaround Lösungen sowohl außerhalb als auch innerhalb einer Insolvenz geschaffen. Wenn es notwendig ist, übernimmt er auch als CRO (Chief Restructuring Officer) interimsmäßig entsprechende Verantwortung.